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Wenn das hilfreiche Kind erwachsen ist

Über Parentifizierung, Grenzen – und die Erkenntnis, dass auch eine Wegbegleiterin immer noch unterwegs ist.

Manchmal liest man ein Buch und legt es danach wieder ins Regal.

Und manchmal liest man ein Buch – und plötzlich fügt sich etwas zusammen, dessen man sich vorher gar nicht so bewusst war.

Wie ein Puzzleteil, das plötzlich seinen Platz findet, ohne dass man davor wusste, dass es überhaupt fehlt.

So ging es mir in meinem Urlaub mit dem Buch „Das ewig hilfreiche Kind – Wenn Kinder die Elternrolle übernehmen und wie sie sich als Erwachsene von der Last befreien“ von Jana Hauschild.

Der Begriff Parentifizierung war mir durchaus bekannt. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass Kinder Aufgaben oder Verantwortung übernehmen, die eigentlich bei den Erwachsenen liegen – ganz praktisch oder auch emotional.

Was mir sehr viel weniger bewusst war:
Was wird eigentlich aus diesen Kindern, wenn sie längst erwachsen sind?

Welche Muster bleiben?
Wie selbstverständlich übernehmen sie weiterhin Verantwortung?
Wie schnell schauen sie danach, was andere brauchen?
Wie schwer kann es sein, die eigenen Bedürfnisse nicht nur wahrzunehmen, sondern ihnen auch wirklich einen Platz zu geben?
Und was passiert, wenn die eigenen Bedürfnisse plötzlich mit denen eines anderen Menschen kollidieren?

Ich ahnte beim Lesen noch nicht, wie schnell ich darauf eine ziemlich persönliche Antwort bekommen würde.

Eigentlich war alles geplant

Anfang Oktober sollte in meinen Räumen ein viertägiges Seminar stattfinden, an dem ich auch selbst teilnehmen wollte.
Ursprünglich hieß es: auf Englisch mit deutscher Übersetzung.
Mein Englisch ist nicht besonders gut. Das war bekannt – mit deutscher Übersetzung aber ja kein Problem.
Dann wurde irgendwann klar: Es wird keine Übersetzung geben.
Meine erste Reaktion war: Wie kann ich es trotzdem möglich machen?

Ich dachte über Übersetzungsmöglichkeiten nach. Über DeepL, über Kopfhörer mit Übersetzungsfunktion, über eine Transkriptions-App. All das prüfte ich in meinem Urlaub noch einmal als mögliche Option.
Mit eher ernüchterndem Ergebnis. Alles funktionierte irgendwie – aber immer nur zeitweise oder mit deutlichen Einschränkungen.

Am Freitag wurde dann klar, dass auch die deutschsprachige Teilnehmerin nicht dabei sein würde.
Und plötzlich wurde mir bewusst:
Ich werde vier Tage lang die einzige Person in einer ausschließlich englischsprachigen Gruppe sein, die dieser Sprache nicht ausreichend folgen kann.

Mit meiner derzeitigen Hörsituation kam noch eine zweite Barriere hinzu.
Eigentlich war die entscheidende Information damit vorhanden:
So funktioniert es für mich nicht.

Nur war das keineswegs meine erste Reaktion.
Ich dachte darüber nach, wie es trotzdem funktionieren könnte. Wie ich die Räume trotzdem zur Verfügung stellen und mich um alles drumherum kümmern könnte.

Ich suchte nach Varianten und Lösungen.
Für die anderen.
Für das Seminar.
Damit das, was geplant war, irgendwie doch stattfinden konnte.

Und irgendwann merkte ich:
Moment mal. Wo bin eigentlich ich in all diesen Lösungen?

Eine Grenze, die sich überhaupt nicht klein anfühlte

Irgendwann musste ich mir eingestehen:
Nein.
Ich kann vier Tage in einer Gruppe, deren Sprache ich nicht ausreichend verstehe, nicht einfach irgendwie kompensieren.

Und ich möchte es auch nicht mehr von mir verlangen.
Ich wäre außen vor. Und dieses Außen-vor-Sein habe ich in den letzten Monaten aufgrund meiner Hör-Herausforderungen schon mehr als genug erlebt.

Also zog ich die Reißleine.
Sachlich betrachtet war das eine vernünftige Entscheidung aufgrund veränderter Voraussetzungen.
Innerlich fühlte sie sich überhaupt nicht vernünftig und sachlich an.

Da waren Gedanken wie:
Das kannst Du nicht bringen.
Jetzt stiftest Du Chaos, weil Du Deine Zusage nicht einhältst.
Das macht man nicht.
Du solltest es trotzdem probieren.
Hauptsache, es funktioniert für die anderen.

Eine Achterbahnfahrt in meiner Gefühlswelt.
Was mache ich jetzt?
Da war das Gefühl, Umstände zu machen. Die Frage, ob ich es vielleicht doch irgendwie geschafft hätte.
Und dieses beinahe unerträgliche Gefühl, jemanden im Stich zu lassen, weil ich sage:
So geht es für mich nicht.

Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich Liegen, Decken, Kissen und alles gerne zur Verfügung stelle und das Seminar an einen anderen Ort zieht.

Und dann tauchte auf einmal ein Gefühl von Scham auf.
Ihr unter die Augen zu treten, fühlte sich plötzlich unglaublich schwer an.
Ich kenne das so gar nicht von mir. Aber auf einmal war dieses Gefühl so präsent.

Als die Seminarleiterin schließlich kam, um die Liegen und Decken abzuholen, reichte ein Satz von mir:
„Es tut mir leid wegen der Umstände.“

Und schon liefen die Tränen.
Ich war traurig, dass der Kurs für mich so nicht stattfinden würde.
Erschöpft von der Entscheidungsfindung davor. Erleichtert, eine Entscheidung getroffen zu haben. Und gleichzeitig emotional vollkommen aufgewühlt.

Und mein Gegenüber?
War einfach ruhig.
Sinngemäß kam nur:
Wieso denn? Alles gut. Das passt so. Kein Problem. Kein Stress deswegen.

Und sogar:
Wir finden eine Möglichkeit, wie Du ein andermal trotzdem teilnehmen kannst.

Keine Katastrophe.
Kein Vorwurf.
Kein Drama.
Meine Grenze durfte einfach eine Grenze sein.

Und genau das hat mich fast noch mehr überwältigt.

Und plötzlich verstand ich etwas

Vielleicht hätte ich ohne dieses Buch das Seminar einfach durchgezogen.
Vier Tage.
Mit Übersetzungsprogramm. Mit enormer Konzentration. Mit Improvisation. Irgendwie.Und wahrscheinlich hätte ich hinterher sagen können:
Siehst Du. Ging doch.

Die viel wichtigere Frage wäre allerdings gewesen:
Zu welchem Preis?

Genau da hat sich für mich etwas verbunden.
Vielleicht zeigt sich das „ewig hilfreiche Kind“ im Erwachsenenleben nicht nur darin, dass jemand besonders viel hilft oder besonders hilfsbereit ist.

Vielleicht zeigt es sich auch in diesem automatischen, fast vehementen Suchen nach einer Lösung – selbst dann, wenn längst klar ist, dass keine dieser Lösungen für mich funktioniert.

Im Verantwortlichfühlen.
Im Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse.
In dem Gedanken: Ich bekomme das schon irgendwie hin.
In dem Pflichtgefühl, eine einmal gegebene Zusage unter allen Umständen einhalten zu müssen.
In dem Gefühl, verantwortlich dafür zu sein, dass es für die anderen funktioniert.
Und vielleicht auch darin, wie existenziell es sich anfühlen kann, irgendwann nicht mehr mitzumachen.

Obwohl es im Außen schlicht ein erwachsener Mensch ist, der eine nachvollziehbare Grenze setzt. Nicht mehr und nicht weniger.

Auch als Wegbegleiterin bin ich unterwegs

Kann ich dann überhaupt professionell andere Menschen auf ihrem Weg begleiten?
Bin ich dafür eigentlich geeignet, wenn ich selbst noch solche Schleifen drehe?

Diese Frage könnte ich mir natürlich stellen.
Aber vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis darüber, was Wegbegleitung für mich bedeutet.

Eine meiner Lehrerinnen sagte einmal etwas, das mir bis heute geblieben ist.
Sinngemäß:
Ich bin diesen Weg einfach schon ein Stück vorausgegangen.
Nicht: Ich bin fertig.
Nicht: Ich weiß alles.
Nicht: Ich habe keine eigenen Themen mehr.

Nur:
Manche Stücke des Weges kenne ich bereits.

Dieses Bild beschreibt sehr gut, wie ich meine Arbeit als ganzheitliche Wegbegleiterin verstehe.

Ich begleite seit vielen Jahren Menschen. Ich habe viel gelernt, erlebt, hinterfragt und verändert.
Und trotzdem bin auch ich weiterhin unterwegs.

Ich erlebe Höhen und Tiefen. Ich drehe Extraschleifen. Manchmal begegne ich einem alten Muster in einem völlig neuen Gewand.
Und manchmal braucht es ein Buch, einen Menschen oder eine unerwartete Situation, damit ich plötzlich denke:
Wow. So hängt das zusammen.

Ich möchte niemandem gegenübersitzen und so tun, als hätte ich das Leben fertig verstanden. Als wäre ich angekommen, perfekt und hätte auf alles eine Antwort.
Das bin ich nicht. Und diesen Anspruch habe ich auch nicht.

Vielleicht bedeutet Wegbegleitung viel eher, ein Stück des Weges zu kennen, aufmerksam mitzugehen, Fragen zu stellen, Räume zu öffnen – und gleichzeitig zu wissen:
Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Auch ich.

Und Erkenntnis bedeutet nicht, dass ein Muster ab morgen verschwunden ist.
Aber ich kann es jetzt sehen, sie sind ins Bewusstsein gewandert.
Und beim nächsten Mal  kann ich vielleicht ein kleines bisschen früher bemerken, wann ich gerade wieder versuche, für alle eine Lösung zu finden – außer für mich selbst.

Und manchmal besteht der nächste Schritt eben nicht darin, noch eine Lösung zu finden.

Sondern darin, zu bemerken:
Es darf auch für mich passen.

Ich darf auch Nein sagen.

Und die Welt geht deswegen nicht unter.

 

 

Published in2026Wegbegleitung & persönliche Entwicklung

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