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Ich kann Dich hören, aber ich verstehe Dich nicht

Irgendwie ist alles zu laut und anstrengend und nervig.

An diesem Punkt stand ich im Februar 2025. Ich lebte mit einem Nachbarn über mir, der seit den Lockdowns für ziemlich viele Dauergeräusche sorgte, und irgendwann hielt ich es einfach nicht mehr aus. Zuerst dachte ich tatsächlich, mir fehlt es wohl einfach an Gelassenheit. Vielleicht bin ich zu empfindlich, vielleicht müsste ich lernen, Geräusche besser auszublenden oder mich weniger darüber aufzuregen.
Mein Mann sagte immer gerne zu mir: „Du hast einfach keinen Filter.“ Damals war das eher eine Beschreibung dafür, wie ich auf Geräusche reagiere. Dass tatsächlich mein Hören eine Rolle spielen könnte, darauf wäre ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gekommen.

Bis ich mit einer Bekannten darüber sprach und sie meinte: „Geh mal zum HNO. Es könnte sein, dass Du Hörgeräte brauchst.“
Also ging ich zum HNO. Das war dann ein etwas längerer Weg mit verschiedenen Untersuchungen und Terminen, bis irgendwann feststand: Ich brauche Hörgeräte und habe eine Innenohrschwerhörigkeit.

Der nächste Weg führte mich zum Akustiker, der weitere Tests machte und ziemlich schnell feststellte, dass neben der Hörminderung wohl auch eine deutliche Geräuschempfindlichkeit – eine Hyperakusis – eine Rolle spielt.

So war mein erster Schritt, noch bevor die angepassten Hörgeräte zu mir kamen, ein Gehörschutz in Form von Ohrstöpseln. Und was dann passierte, war für mich ziemlich überraschend: Meine seit über 14 Jahren vorhandene Erschöpfung veränderte sich. Ich hatte plötzlich mehr Alltagsenergie, war entspannter und hatte mehr Kraft.

Ich trug die Ohrstöpsel immer dann, wenn ich das Haus verließ. Mein Nachbar war inzwischen ausgezogen und auch zu Hause war es dadurch deutlich ruhiger geworden.

 

Und dann kamen die Hörgeräte

Eigentlich dachte ich, damit würde das Hören nun einfacher werden. Tatsächlich kam ich mit meinem ersten Hörgerät so überhaupt nicht zurecht. Alles war viel zu laut, ich hatte das Gefühl, wirklich ALLES zu hören, und sobald ich draußen unterwegs war, hörte ich zwar ALLES aber verstand teilweise gar nichts mehr.

Mein Mann steht beim Einkaufen direkt vor mir und spricht mit mir. Ich sehe ihn, ich höre, dass er spricht – und verstehe trotzdem nicht, was er sagt.

Das war für mich anfangs ziemlich irritierend, denn bis dahin hatte ich Hören und Verstehen irgendwie für dasselbe gehalten. Inzwischen weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung ziemlich gut, dass das zwei sehr unterschiedliche Dinge sein können.

Ich höre verhältnismäßig gut und verstehe gleichzeitig verhältnismäßig schlecht, sobald mehrere Menschen zusammenkommen, ein Raum größer wird oder weitere Geräusche dazukommen. Man merkt mir das nicht unbedingt an. Ich sitze da, höre und unterhalte mich – und gleichzeitig kostet mein Gehirn das Verstehen unglaublich viel Kraft. Irgendwann bin ich einfach erschöpft und mein Kopf schaltet ab.

Wie es an dieser Stelle weiterging und was ich auf meiner inzwischen ziemlich langen Hörreise über Hörgeräte, Geräuschempfindlichkeit und mein eigenes Sprachverstehen herausgefunden habe, findest Du auf meinem persönlichen Blog „bewusstSEIN unterwegs“ unter „Hör-wärts“.

Hier geht’s zur Hörreise

 

Ich fragte mich, aber wo sind eigentlich die anderen?

Mit meinen Hörproblemen kam ich ziemlich schnell an meine Grenzen und machte mich auf die Suche nach Hilfe, Austausch und Angeboten in Nürnberg.
Und natürlich gibt es bereits Anlaufstellen und Angebote. Bei der Schwerhörigenseelsorge Bayern findet man zum Beispiel Veranstaltungen, externe Angebote und Selbsthilfegruppen in der Region. Eine Übersicht über die aktuellen Termine und Angebote findest Du hier:

Veranstaltungen der Schwerhörigenseelsorge

Gleichzeitig merkte ich bei meiner Suche ziemlich schnell, dass vieles von dem, was es gibt, nicht so richtig zu dem passte, wonach ich eigentlich suchte.

Da ich so absolut kein Fan von klassischen Selbsthilfegruppen bin, stieß ich auch hier ziemlich schnell an Grenzen. Tinnitusgruppen fielen für mich raus, denn Tinnitus habe ich zum Glück nicht. Natürlich weiß ich inzwischen, dass Tinnitus und Geräuschempfindlichkeit durchaus gemeinsam auftreten können, aber bei einem Austausch, bei dem Tinnitus im Mittelpunkt steht, kann ich schlicht nicht mitreden – und möchte es ehrlich gesagt auch gar nicht.

Dann gibt es natürlich Gruppen und Angebote für schwerhörige Menschen. Bei meiner Suche stieß ich beispielsweise auf ein Treffen mit ungefähr 20 Menschen und einem Durchschnittsalter um die 70. Daran ist überhaupt nichts verkehrt, nur fragte ich mich, ob das für mich das Richtige ist.
Zwanzig Menschen in einem Raum bedeuten für mich ziemlich viel Gemurmel, viele gleichzeitig vorhandene Stimmen und damit sehr schnell wieder genau das Problem, das mich ohnehin begleitet: Ich verstehe wenig und es ist mir zu laut.

Also suchte ich weiter und irgendwann kam bei mir immer stärker die Frage auf:

Wo sind eigentlich die Menschen mit Hörproblemen, die noch mitten im Leben stehen, arbeiten, Kontakte pflegen, Familie haben, unterwegs sein und am Leben teilnehmen möchten – und für die Hören trotzdem zunehmend anstrengend und herausfordernd geworden ist?

Wo sind die Menschen, die vielleicht Hörgeräte tragen, eine Geräuschempfindlichkeit haben, Sprache im Störgeräusch schlecht verstehen oder noch gar nicht genau wissen, warum Hören für sie eigentlich so anstrengend ist?

Ich habe nach unterschiedlichen Begriffen und Angeboten in Nürnberg gesucht und natürlich gibt es Beratungsstellen, Selbsthilfeangebote und verschiedene Anlaufstellen. Was ich aber kaum gefunden habe, waren kleinere, eher unkomplizierte Begegnungsräume für Menschen mit unterschiedlichen Hör-Herausforderungen, bei denen nicht eine bestimmte Diagnose im Mittelpunkt stehen muss.

Und wenn ich etwas nicht finden kann, egal wie und wonach ich suche, mache ich es gerne irgendwann selbst.

So entstand ziemlich schnell im Rahmen meines Studios für ganzheitliche Wegbegleitung die Idee der HörMuschel – Raum für Hören & Teilhabe.

Hier geht’s zur HörMuschel

 

Was brauche ich eigentlich, damit Teilhabe für mich funktioniert?

Je länger ich mich mit meinem eigenen Hören beschäftigte, desto mehr fiel mir auf, dass es gar nicht nur um Hörgeräte oder die Lautstärke geht. Es geht ganz oft um die Bedingungen, unter denen Begegnung stattfindet.

Ich stricke zum Beispiel gerne. Stricktreffs, die ich gefunden habe, finden häufig in Restaurants, Cafés oder Läden statt. Eigentlich gemütlich – für mich akustisch aber schnell schwierig. Gespräche, Kaffeemaschine, Musik, Geschirrgeklapper und andere Menschen im Raum ergeben zusammen eine Geräuschkulisse, in der Kommunikation für mich ziemlich anstrengend wird.

Bei Workshops begegnete mir etwas Ähnliches. Wunderschöne Eventlocations mit hohen Decken, großen Räumen und wenig Mobiliar sehen toll aus, können aber ordentlich hallen. Und auch ein Gruppentreffen bei einem Spaziergang am See klingt erst einmal wunderbar, bis Wind, Radfahrer, andere Spaziergänger und Umgebungsgeräusche dazukommen und ich merke, dass ich das Gespräch neben mir kaum noch verstehe.

Vieles davon hätte ich früher wahrscheinlich überhaupt nicht wahrgenommen. Heute merke ich ziemlich schnell, welche Umgebung mir Kommunikation erleichtert und welche sie zusätzlich erschwert.

Großer Tisch im ruhigen Kurs- und Begegnungsraum von Kerstin Biß in Nürnberg

Also begann ich zu überlegen, wie Begegnung für mich eigentlich funktionieren könnte – und ob das vielleicht genau das ist, wonach auch andere Menschen mit Hör-Themen suchen.

Ich brauche eher kleine Gruppen, ruhige Räume und eine klare Kommunikation. Ich brauche kein zusätzliches Hintergrundrauschen durch Musik, Kaffeemaschinen oder Geschirrgeklapper und möglichst wenig Hall. Und ich finde es unglaublich angenehm, wenn es völlig selbstverständlich sein darf zu sagen: „Ich habe Dich gerade nicht verstanden, kannst Du das bitte noch einmal sagen?“

Genau solche Bedingungen kann ich in meinen eigenen Räumen schaffen.

Da ich selbst gerade immer besser herausfinde, was mir Hören und Verstehen erleichtert, fließt dieses Wissen inzwischen auch in alle anderen Angebote in meinen Räumen ein. Kleine Gruppen, eine ruhige Umgebung, wenig Hall und Hintergrundgeräusche sowie eine klare Kommunikation sind deshalb nicht nur bei der HörMuschel wichtig, sondern werden auch bei meinen Kursen, Workshops und Begegnungsangeboten mitgedacht.

Vielleicht suchen andere genau das auch

Aus meiner eigenen Suche entstand deshalb nach und nach die HörMuschel. Nicht als klassische Selbsthilfegruppe und auch nicht als Beratungsstelle, sondern als Raum für Hören & Teilhabe, unter dessen Dach unterschiedliche kleine Angebote entstehen dürfen.

Eines davon ist der HörMuschel-Treff, ein moderierter, hörfreundlicher Begegnungsabend in kleiner Runde. Dort darf es um Hörthemen gehen, um Erfahrungen, Ideen und Möglichkeiten, aber genauso darum, einfach andere Menschen kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Hier geht’s zum HörMuschel-Treff

Mir ist dabei wichtig, dass niemand erst eine bestimmte Diagnose mitbringen muss, um mit einer Hör-Herausforderung dazuzugehören. Vielleicht bist Du schwerhörig oder trägst Hörgeräte. Vielleicht hast Du eine Hyperakusis, Probleme mit Sprachverstehen oder den Verdacht auf eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) oder Ohrgeräusche (Tinitus). Vielleicht merkst Du auch einfach nur, dass Gespräche in Gruppen, Restaurants oder geräuschvollen Umgebungen immer anstrengender werden und weißt noch gar nicht so genau, warum.

Ich selbst bin mit meiner Hörreise noch lange nicht am Ende. Ich lerne gerade Deutsche Gebärdensprache, beschäftige mich mit Sprachverstehen, probiere unterschiedliche Hörgeräte und technische Möglichkeiten aus und lerne vor allem immer besser zu verstehen, was mein eigenes Hören braucht und wo meine Grenzen liegen.

Vielleicht ist genau das auch ein Teil der HörMuschel: Es muss nicht schon alles geklärt sein, bevor man sich auf den Weg macht.

Da ich in Nürnberg nur wenige Räume und Anlaufstellen für die Art von komplexen Hör-Herausforderungen gefunden habe, die ich selbst erlebe, möchte ich solche Räume nun selbst schaffen – für mich und für andere, die wieder mehr am Leben teilhaben möchten, sich mehr Kontakte wünschen, Erfahrungen austauschen wollen oder einfach einen Platz suchen, an dem Hören und Verstehen auch einmal schwierig sein dürfen.

Einen Platz zum Begegnen, Austauschen und Sein.

Published in2026Hören & Teilhabe

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