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Küche … nein, bitte nicht stören

Ich bin eigentlich ein ziemlich ordnungsliebender Mensch und auch Sauberkeit ist mir wichtig. Leider lassen sich diese beiden Vorlieben nicht immer ganz reibungslos mit meinem Leben vereinbaren.

Wie so oft gibt es nämlich verschiedene Seiten derselben Medaille. Es gibt das Chaos, weil ich vollkommen geschafft bin und die Vorstellung, jetzt noch die Spülmaschine auszuräumen, einzuräumen und die Küche wieder in ihren Normalzustand zu versetzen, ungefähr so realistisch erscheint wie ein kleiner Abendspaziergang zum Mond. Und es gibt das Chaos, das entsteht, weil ich gerade mitten in etwas bin.

So wie heute.

Heute war Schreibtag. Oder genauer gesagt: Ich war im Flow. Schreiben, denken, nächster Gedanke, noch einer, schnell etwas essen, Tee machen, Keks holen – oh, die Küche. Später. Zurück an den Rechner.

Denn eine Spülmaschine kann ich auch später ausräumen. Ein Gedanke, der gerade da ist, wartet manchmal nicht so geduldig.

Das Ergebnis sieht man auf dem Foto.

Und nein, ich finde das nicht gemütlich. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die zwischen benutzten Tassen, Tellern und herumstehenden Dingen sitzen und denken: Ach, herrlich kreativ hier. Mich macht das irgendwann wahnsinnig.

Eigentlich hat bei mir nämlich fast alles einen Platz. Oder, wie ich viel lieber sage: ein Zuhause.

Nur scheinen manche Dinge in meiner Küche gelegentlich ausgesprochen wanderfreudig zu sein. Manchmal bin ich selbst dafür verantwortlich und manchmal war mein Mann da, der mit meiner durchaus ziemlich vollen Küche sowieso eine ganz eigene Beziehung pflegt.

Während ich erstaunlich genau weiß, was zwischen all den Dingen wohin gehört, reicht bei ihm gefühlt schon eine Tasse auf der Arbeitsfläche, damit die optische Ruhe dahin ist. Bei dem Zustand meiner Küche heute würde er vermutlich davorstehen und überhaupt nicht mehr wissen: Was davon muss in die Spülmaschine? Was bleibt hier? Was gehört wohin?

Und als ich darüber nachdachte, musste ich lachen, denn plötzlich kam mir das erstaunlich bekannt vor.

So ungefähr geht es mir mit Sprache im Störlärm.

Alles ist da. Mein Ohr nimmt die Geräusche wahr. Irgendwo darin sind auch die Wörter, die ich eigentlich verstehen möchte. Nur sind gleichzeitig noch fünf andere Informationen da und mein System bekommt sie nicht mehr vernünftig auseinander sortiert.

Für meinen Mann ist meine volle Arbeitsplatte vielleicht das, was für mich ein Gespräch zwischen mehreren Menschen in einem geräuschvollen Raum ist: zu viele konkurrierende Informationen auf einmal.

Nur dass er sich im Zweifelsfall einfach von meiner Küche fernhalten kann. 😄

 

Wenn dasselbe Chaos etwas völlig anderes bedeutet

Spannend finde ich, dass meine Küche von außen an zwei verschiedenen Tagen ziemlich ähnlich aussehen kann und trotzdem etwas vollkommen anderes dahintersteckt.

Heute ist es der Flow.

Ich könnte natürlich zwischendurch aufstehen, die Spülmaschine ausräumen, das benutzte Geschirr einräumen, die Arbeitsfläche abwischen und alles wieder an seinen Platz stellen. Vermutlich würde das nicht einmal besonders lange dauern.

Aber ich kenne mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass fünfzehn Minuten Küche manchmal eben nicht nur fünfzehn Minuten Küche sind. Ich unterbreche das Schreiben, mein Kopf wechselt die Spur, ich sehe unterwegs noch drei andere Dinge und wenn ich wieder vor meinem Text sitze, ist dieser eine Gedanke, der gerade noch so klar war, vielleicht weg.

Also bleibt die Küche heute Küche und ich schreibe weiter.

An einem anderen Tag sieht es möglicherweise genauso aus, aber der Grund ist ein völlig anderer. Dann bin ich schlicht zu erschöpft. Ich sehe das Geschirr genauso, es stört mich genauso und ich hätte es genauso gerne weg – aber es geht gerade nicht mehr.

Das ist ein Unterschied, den man von außen nicht unbedingt sieht.

Denn gerade wenn einem Ordnung wichtig ist, kann ziemlich schnell dieses kleine schlechte Gewissen auftauchen: Das müsste ich doch noch schaffen. Das dauert doch nur zehn Minuten. Andere bekommen das schließlich auch hin.

Nur machen zehn Minuten eben einen Unterschied, wenn kaum noch Energie übrig ist.
Und manchmal ist es die bessere Entscheidung, die Küche Küche sein zu lassen.

 

Ordnung tut mir gut

Das Interessante daran ist nämlich: Ich brauche Ordnung tatsächlich.

Eine aufgeräumte Umgebung tut mir gut. Ich mag es, wenn Dinge an ihrem Zuhause sind, Flächen wieder frei werden und mein Blick nicht ständig an irgendetwas hängenbleibt, das eigentlich noch erledigt werden müsste. Das ist für mich keine Vorstellung davon, wie eine Wohnung auszusehen hat, weil man das eben so macht. Ich fühle mich mit Ordnung schlicht wohler.

Nur kommen die Ordnung und ich trotzdem nicht immer so gut zusammen, wie wir es eigentlich gerne würden.

Denn Ordnung ist eben nur eines meiner Bedürfnisse.

Manchmal braucht mein Kopf gerade den Raum, etwas zu Ende zu denken. Manchmal braucht mein Körper Ruhe. Manchmal ist schlicht keine Energie mehr da. Und manchmal kommt der Moment, an dem das Chaos selbst mehr Energie kostet als das Aufräumen.

Dann passiert häufig etwas, das bei mir erstaunlich gut funktioniert: Kopfhörer auf, Hörbuch an und los.

Plötzlich werden aus herumstehenden Tassen wieder Tassen mit einem Zuhause, die Spülmaschine bekommt Gesellschaft, Dinge wandern zurück an ihren Platz und nach einer Weile kann ich wieder durchatmen, weil auch mein Blick ein bisschen mehr Ruhe bekommt.

Vielleicht ist das eines der Dinge, die ich gerade immer mehr lerne: Nicht jedes Bedürfnis muss jederzeit gleich wichtig sein.

Ich darf Ordnung lieben und trotzdem Chaos verursachen.

Ich darf mich an diesem Chaos stören und es trotzdem noch zwei Stunden stehen lassen.

Ich darf wissen, dass eine aufgeräumte Küche mir guttut und gleichzeitig entscheiden, dass mir etwas anderes in diesem Moment wichtiger ist.

Und ich darf an einem erschöpften Tag anerkennen, dass „Ich kann gerade nicht“ etwas anderes ist als „Es ist mir egal“.

 

Vielleicht braucht nicht alles sofort eine Lösung

Wenn ich mir das Foto meiner Küche von heute anschaue, könnte ich natürlich einfach denken: Meine Güte, räum endlich auf.

Oder ich kann sehen, was an diesem Tag ebenfalls passiert ist.

Heute sind Texte entstanden. Gedanken haben ihren Weg aufs Papier gefunden. Aus einem Gedanken wurde der nächste und irgendwann war ich mittendrin in diesem wunderbaren Zustand, in dem etwas einfach fließt.

Dafür standen eben ein paar Tassen herum.

Okay. Es waren vielleicht ein paar mehr als ein paar.

Aber sie laufen mir nicht weg.

Und vielleicht ist das die eigentliche Erinnerung, die mir meine Küche heute mitgibt: Wir sehen häufig nur das Ergebnis eines Moments und wissen überhaupt nicht, was dahintersteckt.

  • Ein unaufgeräumter Raum kann bedeuten, dass jemand gerade voller Ideen steckt.
  • Er kann bedeuten, dass jemand keine Kraft mehr hat.
  • Er kann bedeuten, dass andere Dinge gerade wichtiger sind.
  • Und manchmal bedeutet er vermutlich einfach nur, dass jemand keine Lust hatte aufzuräumen.

Auch das soll vorkommen.

Nicht alles, was von außen gleich aussieht, ist innen dasselbe.

Und vielleicht müssen wir deshalb auch nicht immer sofort bewerten, was wir bei uns selbst oder bei anderen sehen, sondern dürfen uns viel öfter fragen:

Was ist gerade eigentlich los – und was brauche ich jetzt wirklich?

Heute war meine Antwort ziemlich eindeutig:

Weiterschreiben. Die Küche kann warten.

Und wenn ich fertig bin, gibt es ein Hörbuch auf die Ohren und für all die kleinen Ausreißer geht es zurück nach Hause.

 

 

Published in2026Wegbegleitung & persönliche Entwicklung

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